0910. Ist die Telekom noch ganz dicht?

Jeder mündige Bürger, der mit halbwegs physikalischem Verständnis oder auch gesundem Menschenverstand durch die Welt streift, weiß, dass ohne Vertrauen kein Blumentopf zu gewinnen ist. Spätestens seit der derzeitigen Immobilienkrise hat sich dies auch in der Bankenwelt herumgesprochen – und sogar bei der CSU: Es ist sinnvoll, das Vetrauen seiner Kunden zu gewinnen und profitabel anzulegen. Für die Zukunft, damit man die nächste Krise überlebt. Die Banken haben das Vertrauen der Kunden in großem Rahmen verspielt. Und nicht nur das Vetrauen der Kunden, sondern auch das Vetrauen der Wettbewerber, die schon aus purem Eigeninteresse am Erhalt des Banken- und Wirtschaftssystems als potentielle Kreditgeber einspringen müssten. Aber das ist ein anderes Thema. Wo war ich stehengeblieben?

Ach ja, ob die Telekom noch ganz dicht ist. Und um Vertrauen. Telekom und Vertrauen sind zwei unterschiedliche Dinge, die spätestens seit Mai 2008 nicht mehr zusammenpassen. Ich wünsche René Obermann alles Glück der Erde bei seiner Mission, das Vetrauen seiner Kunden zurückzugewinnen. Er macht mir die Telekom – allein durch sein vertrauensvolles Lächeln – ein wenig symphatischer. Und das sage ich, obwohl mein Lächeln beim Stichwort Telekom reflexartig einfriert. Doch ich sehe sowohl für ihn als auch für die Telekom keine Zukunft. In der Telekom brodelt es und zischt es und bald wird das Unternehmen wie ein Pulverfass explodieren. Bämm!

Derzeit wird die Telekom noch von irgendeiner physikalischen, wirtschaflichen oder übermenschlichen Kraft zusammengehalten. Aber sie ist nicht mehr ganz dicht: Sie verliert wichtige Informationen, die sowohl als Leichen im Keller als auch auf der Datenbank des Unternehmens liegen. Manche Leichen liegen schon sehr, sehr lange dort und sind dennoch nicht tot zu kriegen. Zum Beispiel der bürokratische Geist, der durch das Hauptschiff der Bonner Telekommunikationskathedrale fegt oder in die armen Seelen der Glaubensgemeinde gefahren ist. Wie Zombies erledigen die Telekom-Mitarbeiter das, was von oben geheißen oder was von jeher Brauch ist. Dann liegen da noch die ganzen unausgewerteten, aber gesammelten Daten der Aufsichtsräte. Der Spiegel – nicht nur bei der Veröffentlichung der Skandale behilflich sondern auch zur Aufklärung derselben beitragend – schreibt dazu:

Die Konzerntochter T-Mobile International hat jahrelang die Einzelverbindungsnachweise von den Privatanschlüssen ihrer Aufsichtsräte aufbewahrt. Ein Sprecher beteuert, man habe die Daten nicht ausgewertet.

Die Telekom zahlt ihren Aufsichtsräten als freiwillige Leistung einen privaten Festnetz- und DSL-Anschluss sowie einen Handy-Vertrag. Die Einzelverbindungsnachweise dieser Anschlüsse wurden nach einem Bericht des “Handelsblatts” jahrelang bei der Konzerntochter T-Mobile International gebunkert. “Mittlerweile ist die Vorgehensweise geändert. Einzelverbindungsnachweise werden nicht mehr erstellt. Die Einzelverbindungsnachweise wurden eingesammelt und versiegelt.”

Die Telekom wird derzeit noch durch einen weiteren Skandal belastet: Am Samstag hatte die Telekom Recherchen des SPIEGEL bestätigt, wonach ihrer Mobilfunksparte T-Mobile vor gut zwei Jahren Daten zu jedem zweiten Kunden entwendet wurden. Insgesamt sind davon mehr als 17 Millionen Kunden betroffen.

Wie der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, befinden sich darunter auch geheime Nummern und Privatadressen von Politikern, Wirtschaftsführern und Milliardären, für die eine Verbreitung ihrer Daten in kriminellen Kreisen sicherheitsbedrohend wäre. Der Konzern betonte, dass die Datensätze keine Bankverbindungen, Kreditkartennummern oder Verbindungsdaten enthalten. Jedoch seien neben Name und Anschrift die Mobilnummer, teilweise das Geburtsdatum und in einigen Fällen auch die E-Mail-Adresse in den Sätzen zu finden.

Nach dem beispiellosen Diebstahl hat der Chef der Deutschen Telekom, René Obermann, öffentlich um Verzeihung gebeten. “Wir können uns bei unseren Kunden nur entschuldigen”, sagt er der Zeitung “Bild am Sonntag”. Er betonte: “Das Ganze ist ein sehr ärgerlicher Vorfall.” T-Mobile bietet seinen Kunden jetzt den kostenlosen Wechsel der Rufnummer an. (Der Spiegel, Zitat Ende)

Für Telekom-Chef Obermann ist dieser Fall der vorläufige Tiefpunkt einer langen Reihe von Skandalen und Affären. Ich bin gespannt, ob es Herrn Obermann gelingt, die Telekom durch “brutalst mögliche Aufklärung” und die “Konzentration auf das Kerngeschäft” aus der Krise zu führen. Doch die “unkontrollierte Kernschmelze” der Telekom hat meines Erachtens längst begonnen. Die Altlasten beziehungsweise Leichen im Keller des Unternehmens – die die Totengräber Zumwinkel und Ricke sicher verscharrt glaub(t)en – werden die Telekom über kurz oder lang zerschlagen. Jetzt heisst es: Exodus oder Exitus – digit or digg it!

Politiker nehmen den Datenklau-Skandal zum Anlass, auf die schnelle Einführung eines Qualitätssiegels für Datenschutz zu drängen. “Dieses Siegel sollten alle Unternehmen erhalten, die in diesem Bereich mehr tun, als der Gesetzgeber heute von ihnen verlangt”, sagt SPD-Rechtsexperte Dieter Wiefelspütz – der putzige Maulwurf der Politik – gegenüber der “Welt am Sonntag”. Der Grünen-Politiker Volker Beck fordert, die Vorratsspeicherung von Telefondaten sofort zu stoppen. “Die Daten der Bürgerinnen und Bürger sind bei der Deutschen Telekom nicht sicher”, sagte Beck. Wo Datenberge entstünden, drohe stets fahrlässiger oder krimineller Missbrauch.

“Sorry, wrong number.” – viele Menschen haben bei der Telekom inzwischen das Gefühl, falsch verbunden zu sein und wechseln zu anderen Anbietern, die ihre Sache bedeutend besser machen. Vielleicht sind es bereits zu viele Menschen, die Zukunft wird es sicher zeigen. Das wachsende, kollektive Gefühl der Unsicherheit spiegelt aber auch unser gegenwärtiges Dilemma wider: Wir alle wünschen uns – gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten – Freiheit und Sicherheit. Die Telekom schafft es nicht, uns zu überzeugen. Herr Schäuble schafft es ebenfalls nicht, uns Bürger zu beruhigen. Stattdessen gelingt es subversiven Parteien – beispielsweise der Piratenpartei Landesverband Hessen – mit Ihrem konstruktiven Programm (Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung der Bürger) und der symphatischen Order “Klarmachen zum Ändern!”, den richtgen Kurs einzuschlagen.

Es ist kein einfacher Auftrag, sowohl Freiheit als auch Sicherheit zu gewährleisten. Benjamin Franklin bringt es auf den T-Punkt: “Jede Gesellschaft, welche ein bisschen Freiheit aufgibt um etwas mehr Sicherheit zu gewinnen, hat beides nicht verdient und wird auch beides verlieren.” Wenn man in diesem Fall “Freiheit” mit “Kommunikation” übersetzt und “Sicherheit” mit “Datenschutz”, dann ist an seiner Aussage etwas Wahres dran!

Dieses Thema stelle ich hiermit zur Diskussion und freue mich über Eure Kommentare dazu. Ich bin mir sicher, dass das Thema alle Menschen – nicht nur uns Kommunikations-, Marketing- und Werbespezialisten – noch lange beschäftigen wird. Ich bin mir leider weniger sicher, wie lange die Telekom seine Mitarbeiter noch beschäftigen wird. Hoffen wir das Beste.

Zitierter Bericht aus dem Spiegel
Wikipedia über die Telekom-Überwachungsaffäre
Website der Piratenpartei Landesverband Hessen

Post von Christian Grunewald

Christian ist Dipl. Kommunikationsdesigner (FH) und arbeitet freiberuflich als Kommunikations- und Marketingspezialist. Vom Programmieren läßt er lieber die Finger. Stattdessen schreibt er Kulturtipps oder schaut sich wissbegierig die Welt und deren Parallelwelten an.

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